Weihnachtszeit und Jahreswechsel - wir befinden uns mitten in der Saison der Wünsche und hoffen (je nach Alter und persönlicher Interessenlage) auf bunt verpackte Weihnachtsgeschenke, auf trautes Beisammensein unter der Nordmann-Tanne, etwas Ruhe und Erholung zwischen den Jahren oder haben uns schon den obligatorischen Vorsatz fürs Neujahr zurecht gelegt.

Ganz egal wie wir individuell gestrickt sind - auf verschiedensten Ebenen begegnen wir zum Jahresende alle unseren eigenen Bedürfnissen. Darunter auch jenen, die mitunter lautstark nach Erfüllung verlangen:

Materielle Anschaffungen, auf die wir uns freuen - wünschenswerte Umgangsformen mit Familie, Verwandtschaft & Freunden während der Feiertage - ins Visier genommene Verhaltensänderungen und sonstige Projekte für das kommende Jahr ...

 

 

Obwohl wir vermutlich im Alltag wenig bis überhaupt nicht darüber nachdenken, so wünschen wir uns im Leben doch immer wieder Dinge, ohne uns der ganz unterschiedlichen Erwartungen hinsichtlich ihrer Erfüllung bewusst zu sein.

So gibt es Wünsche, die wir aussprechen, obwohl wir überhaupt nicht an ihre Erfüllung glauben - „Nächstes Jahr höre ich endlich mit dem Rauchen auf und gehe stattdessen dreimal pro Woche Radfahren“. Es gibt Wünsche, die insgeheim Erwartungen sind - „Ich habe ihr gesagt, dass ich unbedingt einen neuen Computer brauche“. Und es gibt Wünsche, hinsichtlich derer Ergebnisse wir möglicherweise skeptisch, aber durchaus ergebnisoffen sind - „Ich hoffe, dass die Welt nächstes Jahr keinen weiteren Krieg erleben muss“.

Vermutlich gibt es noch viel mehr Varianten, Mischformen und Ausprägungen davon, sich individuell etwas zu wünschen. Wunschgebilde zu erschaffen, die höchst verschieden sein können und letztendlich Ausdruck dessen sind, wie wir sozialisiert wurden: Zum Beispiel ob wir glauben, uns würden gewisse Dinge selbstverständlich zustehen. Oder das exakte Gegenteil - dass wir keinen Anspruch auf etwas hätten. Oder dass ein Wunsch sowieso nicht in Erfüllung geht, weil wir doch erfahrungsgemäß immer leer ausgehen. Oder aber wir glauben, dass uns ein Wunsch nur zusteht, sofern diesem ein bestimmtes Verhalten unsererseits voraus geht.

 

 

 

F.M. Alexander sagte schlicht: „Was du denkst ist das, was du erhältst“. Er sprach dabei natürlich von der nach ihm benannten Arbeit an sich selbst und nahm Bezug auf die große Bedeutsamkeit der Qualität unseres Denkens, welcher innerhalb der Alexander-Technik eine zentrale Rolle zukommt. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Art, in der wir uns auf das Ausführen einer Handlung oder das Eintreten eines möglichen Ereignisses vorbereiten und letztendlich darauf, wie wir mit uns selbst im Hier und Jetzt umgehen.

 

Haben Sie je darüber nachgedacht, wie Sie innerlich mit sich selber sprechen und ob Sie dabei wohlwollend, fordernd, destruktiv oder ergebnisoffen sind? Zudem, ob sich diese Art des „Selbstumgangs“ verändert - je nachdem, worum es inhaltlich geht, beziehungsweise mit wem Sie interagieren?

 

Würde man an dieser Stelle einen Buddhisten befragen, so hätte er eine ganze Menge über Anhaftungen zu erzählen - über jene Tendenz unseres Geistes, die sich tagein, tagaus um die Kategorien „will ich haben“ und „will ich nichts mit zu tun haben“ dreht und die ganze Welt entsprechend einzuordnen versucht.

 

Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie (und natürlich auch ich) einen Großteil des Tages damit beschäftigt sind, so gut wie alles in und um uns zu bewerten und die Welt damit in zwei einander gegenseitig ausschließende Kategorien zu spalten?

 

Ein Resultat dieses weitgehend unbewussten Verhaltens und unserer daraus resultierenden, selbst inszenierten Geschichten („Ich bin halt so ein Typ!“ oder „Ich bin doch keine von denen!“) ist oft ungesunde und wenig attraktive Übersteigerung. Vor allem aber stellt die unbewusste „Kategorisierungstendenz“ unseres Gehirns eine Beeinträchtigung der Qualität unseres Wünschens dar, eine Einengung hinsichtlich unserer Ergebniserwartungen und damit einen Verlust an Offenheit, Spontaneität und generell Möglichkeiten.

 

 

 

 „Rede sanft mit dem Körper und er wird alles Erdenkliche tun“

(F.M. Alexander)

 

Abseits des theoretischen Reflektierens, Philosophierens und der Frage nach unserem moralischen Kompass gibt es noch eine weitere, grundlegend wichtige und gänzlich körperlich-praktische Seite dieses Themas - denn was sind unsere Handlungsimpulse im jeder x-beliebigen Alltagssituation anderes als Wünsche?

Ich möchte dies tun, jenem ausweichen und das da unbedingt schaffen -  Weihnachtsplätzchen backen, dem geschwätzigen Nachbarn beim Müll rausbringen aus dem Weg gehen oder endlich die Bach-Invention fehlerfrei am Klavier spielen können.

All dies sind letzten Endes gedankliche Impulse, die das Potential bergen, uns unmittelbar in die Ausführung einer Handlung zu katapultieren und uns dadurch mit jener kulturellen Tendenz in Kontakt bringen, die F.M. Alexander als „Zielfixiertheit“ bezeichnet hat: unserem Streben nach Erreichen, welches so unverhältnismäßig übersteigert ist, dass wir darüber den Weg zum Erreichen aus den Augen verlieren.

So backen wir die Plätzchen vielleicht mit Hektik, hochgezogenen Schultern, krummem Rücken und unter Inkaufnahme sonstigen körperlich-geistigen Tributes. All dies, weil wir uns halb unbewusst irgendeine Story darüber erzählen, warum wir schnell fertig werden oder die Tätigkeit auf eine ganz bestimmte Art durchführen müssen.

Vielleicht schleichen wir mit in den Nacken gezogenem Hals um die Hausecke, verkrampfen dabei unsere Fußsohlen, fixieren die Knie und drehen uns innerlich um allerlei mögliche, doch durch die Bank weg unaufrichtige Ausreden, mit denen wir dem Nachbarn im Fall eines Zusammentreffens abspeisen können.

Oder wir verdrehen, stauchen und misshandeln unseren Körper am Klavier, weil es uns wichtiger ist, noch 20 Schläge pro Minute schneller zu spielen (so wie es unser Lieblingsinterpret tut), anstatt darauf zu achten, welches Maß an Klarheit, Gelöstheit, Momentum oder Literaturkenntnis nötig sein könnte, um gesund und aus uns selbst heraus ein flüssigeres Spiel zu entwickeln.

Mit der Realität haben unsere Motive zumeist herzlich wenig zu tun und entsprechend unzureichend sind unsere Strategien der Umsetzung. Also was nun?

 

 

F.M. Alexander erforschte seine individuellen Tendenzen, mit denen er sich selbst einer gesunden Strategie für sein Handeln (in seinem Fall das Rezitieren ohne anschließenden Stimmverlust) beraubte, mithilfe von Spiegeln und ich fürchte, auch uns bleibt nichts anderes übrig, als zumindest metaphorisch in den Selbigen zu blicken. Zumindest dann, wenn wir erkennen und mehr darüber lernen wollen, welche Geschichten wir uns über unsere Wünsche, sowie ihre Dringlichkeit beziehungsweise Unerreichbarkeit erzählen.

Erst wenn wir innehalten, uns in konstruktivem Denken & wertfreiem Betrachten der Dinge üben und uns darüber hinaus dafür zu interessieren beginnen, wo wir innerlich und auch physisch stehen, wo wir gerne hinmöchten und wo wir vielleicht lieber ausweichen wollen - erst dann treten die Konturen unserer Strategien aus den verhüllenden Schatten des Alltagstrotts zutage.

Erst wenn wir diese Strategien zu Gesicht bekommen, können wir damit beginnen, an uns zu arbeiten und anders mit uns und der Welt umzugehen.

Solange wir hinsichtlich unserer Wünsche und unser ureigensten Art, uns damit an uns selbst oder unsere Umwelt zu wenden, unklar sind, so lange wird es uns stets so vorkommen, als wäre es der pure Zufall, der darüber entscheidet, ob sich unsere Wünsche erfüllen oder nicht ...

 

 

 

Halten Sie es für möglich, dass jeder selbst in größerem Maße seines Glückes Schmied sein kann, als wir gemeinhin annehmen?

 

Falls ja, möchte ich Sie herzlich dazu einladen, gemeinsam mit mir im praktischen Experiment herauszufinden, was an dieser Redewendung tatsächlich dran ist und wo es Neues über unsere Möglichkeiten und Grenzen im Leben zu lernen geben könnte.