Völlig überraschend brachen COVID-19 und die seither anhaltende Coronakrise im Februar/März über uns herein. Experten hatten zwar seit Jahrzehnten vor einem solchen Pandemieszenario gewarnt, aber für den Großteil der Menschheit kamen die alsbald folgenden Maßnahmen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens dennoch völlig überraschend.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und der Deutsche angeblich ein ganz besonders ausgeprägtes - und entsprechend hart traf uns alle die Realität des Shutdowns: Abruptes Erliegen des öffentlichen Lebens. Sonderberichterstattung. Schulen dicht. Firmen dicht. Geschäfte dicht. Kurzarbeit. Nudeln alle.

 

Wie erging es Ihnen in den ersten Tagen und Wochen der Pandemie?

 

 

Mich erwischte - so wie viele Eltern - von heute auf morgen eine grundlegende Umstrukturierung meiner Arbeit bei gleichzeitig massiver Zunahme an Kinderbetreuung. Tiefgreifende Veränderungen & Einschränkungen der bisher gewohnten Alltagsstruktur wurden unser aller tägliche Begleiter - ob jung, alt, arm oder reich. Die Pandemie und die darauffolgenden Maßnahmen betrafen einfach jeden, wenn auch auf verschiedenste Art und in ganz unterschiedlichem Maße.

Veränderung - das zentrale Thema der Alexander-Technik - trat in dieser Anfangsphase sehr deutlich für mich hervor: Die Welt kam für einige Wochen regelrecht zum Stillstand und fährt seither im Krisenmodus „auf Sicht“ - und so ziemlich jeder hat eine Haltung zum Zeitgeschehen:

Der eine hält die Situation nebst offizieller Einschätzung und infolge ergriffener Maßnahmen für angemessen, der andere für übertrieben, der dritte für gänzlich verfehlt und dem vierten geht das Ganze grundsätzlich nicht weit genug.

Wir erleben die Macht von Meinungen, wo es bislang an Fakten mangelt. Und wir erleben, wie leicht das eine mit dem anderen verwechselt werden kann.

Simpel gesagt: wir erleben große Ohnmacht im Angesicht unserer offensichtlichen Planlosigkeit und der Unfähigkeit, auf Grundlage gesicherter Erkenntnisse eine Risikoeinschätzung für uns selbst, unsere Lieben und den Rest der Menschheit vorzunehmen.

Niemand weiß, wann der Impfstoff kommt, wie wirksam oder mit Nebenwirkungen behaftet er sein wird, wie lange wir noch auf Abstand und Masken angewiesen sein werden? Ob und wann die nächste Welle kommt, wie schwer sie sein wird, ob wir das Schlimmste bereits hinter uns haben und vor allem, ob das Ganze nicht vielleicht doch eine große Weltverschwörung von reptiloiden, kinderfressenden Multimilliardären ist, die uns beherrschen, ausbeuten oder sonstwie hinters Licht führen wollen?

 

Doch in was für einem Zustand lebten wir eigentlich vor Corona in unseren individuellen Vorstellungswelten?

 

Was ist das - Gewissheit - Sicherheit - Beständigkeit?

 

Was ist überhaupt planbar und wieviel davon vielleicht nur Illusion?

 

 

Streng genommen besteht unser gesamtes Leben aus Übergängen und Entwicklungsprozessen von einem Zustand in einen anderen, einem beständigen Weg vom Bekannten ins Unbekannte. Egal, ob wir gerade Schule oder Studium abschließen, den Job wechseln, Kinder bekommen oder in ihre eigenen Leben entlassen, ob wir umziehen, neue Menschen kennenlernen, alte Beziehungen hinter uns lassen, forschen, reisen, entdecken, vergessen, erinnern, verlieren ...

Auch wenn es uns oft so vorkommt, als würde sich in unseren Leben kaum oder nur ganz allmählich etwas verändern - Wandel findet immer statt und wir sind immer damit konfrontiert, einen Umgang damit zu finden.

Natürlich sind die meisten Veränderungsprozesse „banal“, Teil der Lebenswelt von Milliarden anderen Menschen, gut eingebettet in unsere kulturelle Normalität und nur in wenigen Fällen so offenkundig bedrohlich wie ein bislang unbekannter Erreger mit teils gravierenden Folgen für Leib & Leben.

Entsprechend wenig bekommen wir von unseren beständigen Anpassungsprozessen an der Oberfläche unseres einem Dauerfeuer an Reizen ausgesetzten Alltagsbewusstseins mit.

Dann kam da plötzlich Corona - und eine Vielzahl unserer bisherigen Strategien griffen auf einmal nicht mehr. Plötzlich gibt es keine klare Orientierung mehr, nur noch bedingt vertraute Routinen, kaum gesichertes „richtig“ & „falsch“ und schon gar keine (vermeintlich) gewisse Perspektive für die greifbare Zukunft.

 

Wie haben Sie den Zustand der Ohnmacht erlebt und welche Schlüsse haben Sie daraus für sich und Ihr Leben gezogen?

 

 

Was ich persönlich besonders spannend fand, war der Umgang meiner unmittelbaren Umwelt mit der Situation in den ersten Tagen und Wochen: niemand wusste bei genauerer Betrachtung irgendetwas - und dennoch legte sich beinahe jeder um mich herum blitzartig fest. Ich erlebte dabei durchweg zwei Pole - „Panikmodus“ und Verharmlosung - und die verschiedensten Abstufungen dazwischen.

 

Wie haben Sie die Coronakrise zu Beginn eingeschätzt und (wie) hat sich Ihre Haltung seither verändert?

 

Meiner Einschätzung nach erlebt die Welt derzeit ein Spannungsfeld wie unter dem Brennglas, von dem wir im Alltag oft kaum etwas mitbekommen, nämlich Offenheit vs. Festlegung.

Praktizierende der Alexander-Technik kennen dieses Feld nur zu gut und lernen täglich in der Auseinandersetzung mit F.M. Alexanders Prinzipien etwas darüber, wie allgegenwärtig dieses Thema unseren Alltag durchdringt und wie unendlich subtil und zugleich blitzartig der Übergang vom einen zum anderen ist. Wir lernen den Wert von Offenheit, Konstruktivität und den selbstgewählten Mittel zum Erreichen unserer ganz persönlichen Ziele kennen. Und wir entwickeln unseren Körper abseits intellektueller Einschätzungen zu einem immer feineren Feedbackinstrument, welches uns die Möglichkeit eröffnet, immer schneller zu bemerken, wann wir uns festlegen, einen konstruktiveren Blickwinkel hinsichtlich unserer Entscheidungen einzunehmen und daraus Orientierung und Raum für alternative Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen.

 

Dachten Sie bisher, Alexander-Technik hätte nur etwas mit „guter“ Köperhaltung, müheloserem Bewegen oder dem „Loswerden“ von körperlichen Beschwerden zu tun?

 

 

Auch ich war natürlich unzählige Male dazu verführt, mich ähnlich meiner Mitmenschen festzulegen. Auch ich suchte zu Beginn intensiv nach Orientierung, fragte mich, welche Experteneinschätzungen wohl zutreffend waren und welche Folgen die ergriffenen Maßnahmen für mein Leben haben würden. Welche Folgen diese Krise für die gesamte Welt haben würde. Aber ich bemerkte es - sicher nicht immer, aber doch oft genug, um vielfältige Wahlmöglichkeiten für mich zu erschließen. Wahlmöglichkeiten hinsichtlich meines Umgangs mit der Situation, mit mir selbst, meinen Mitmenschen und den vielfältigen Meinungen, Ängsten und Hoffnungen um mich herum.

Ich kann nicht behaupten, dass die Coronakrise spurlos an mir vorbei gegangen wäre, doch habe ich den Eindruck, psychisch vergleichsweise gesund dazustehen und ich habe viele Wege gefunden, dem Ist-Zustand Positives abzugewinnen. Ich war lange nicht mehr so offen, kreativ und reaktionsfreudig, so in Kontakt und Bindung mit mir selbst und den mir nahestehenden Menschen. Und ich habe das starke Gefühl, dass in den losgetretenen, individuellen wie globalen Veränderungsprozessen ein großes Potential innewohnt. Wofür genau, das muss sich noch zeigen.

 

Wie ging es Ihnen? War Corona für Sie nur mit erlebter Einschränkung und Gefühlen von Isolation, Ohnmacht und Angst verbunden, oder haben eventuell auch Sie Altes wiederbeleben, intensivieren oder gar Neues entdecken dürfen?

 

 

Die Welt wartet ungeduldig auf einen Corona-Impfstoff, der es uns ermöglicht, wieder in unsere alte Realität zurückzukehren, doch ich glaube nicht, dass dies möglich ist und vor allem, dass wir einen ganz anderen „Impfstoff“ nicht minder dringend benötigen: Einen Impfstoff gegen unsere eigene Befangenheit, unsere eigene Trägheit, unsere Unsicherheit und Autodestruktivität, Hybris und Selbstentwertung. Gegen unsere Tendenz, uns zu schnell festzulegen, sowie unser Verharren im Gewohnten, egal wie folgenschwer es sein mag.

Ich glaube, dass die Alexander-Technik dahingehend einen „Impfstoff“ von unschätzbarem Wert darstellen kann.

Wie ich neulich in einem Zeitungsartikel las: „Wir spüren, dass das Alte vorbei ist, aber es ist noch da. Gleichzeitig spüren wir das Neue, doch wir kennen es noch nicht, weil es noch nicht da ist“. Ich denke, dass diese Einschätzung einerseits auf jeden beliebigen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte zutrifft, aber dass wir gegenwärtig besonders deutlich merken, dass wir gemeinsam und zeitnah grundlegende Weichenstellungen vornehmen müssen. Zumindest, wenn wir individuell und auch als Spezies in angemessener Harmonie mit uns selbst und unserer Umwelt fortbestehen möchten - wo (beziehungsweise ob) auch immer die Trennlinie zwischen Beidem verläuft?

 

Können Sie ahnen, wovon ich in diesem Artikel spreche und sind Sie neugierig darauf, sich selbst in diesen Lernprozess zu begeben und auf verschiedensten Ebenen davon zu profitieren?

Dann freue ich mich sehr darauf, von Ihnen zu hören!