Vor Kurzem habe ich ein aktuelles Interview mit dem bekannten deutschen Neurobiologen Gerald Hüther gelesen. Inhaltlich ging es darin um elterliches Eingreifen in gewisse kindliche Entwicklungsprozesse.

Hüther stellt dar, wann „gut gemeintes“ Tun der Eltern seiner Ansicht nach eine Störung darstellt und welche Konsequenzen für das Kind daraus im späteren Leben resultieren können.

 

Der Artikel selbst ist interessant, lesenswert und zeigt neben den schädlichen Konsequenzen, die Hüther als Verwicklungen bezeichnet, auch eine hoffnungsvolle Perspektive auf.  Eine, die Praktizierenden der Alexander-Technik ziemlich bekannt vorkommen dürfte:

Das menschliche Gehirn ist zeitlebens umbaufähig, und es ist nie zu spät, sich aus diesen gebahnten Mustern des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns wieder zu lösen. Die Hirnforschung nennt diese Fähigkeit Neuroplastizität. Um beim Wortlaut zu bleiben: Eine Ent-Wicklung ist immer möglich. Nämlich dann, wenn wir wieder mit unseren verwickelten Bedürfnissen und Persönlichkeitsanteilen in Berührung kommen.

 

Als Vorbedingung für einen solchen Umlernprozess benennt er Folgendes:

[...] man muss diese Ent-Wicklung wollen. Wir leben in einer Welt, in der man mit der Verwicklung unserer Potenziale ganz gut leben kann. Es gibt Menschen, die wollen sich nicht berühren lassen, dann werden die unterdrückten Bedürfnisse einfach immer wieder weggedrückt. Mit dicken Autos, großen Häusern, teuren Klamotten, Alkohol oder anderen Dingen, die eigentlich keiner braucht.

 

Man kann also durchaus von einer gesellschaftlich verbreiteten und akzeptierten Tendenz sprechen, die “Früchte“ unserer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft als Weg des Umgangs mit einem Problem heranzuziehen, das nur schwer greifbar erscheint und für das uns unsere Eltern mehrheitlich nicht mit angemessenen Strategien  auszustatten in der Lage waren.
 

 

Das ganze Thema ist soweit nicht neu und wurde in den vergangenen Jahrzehnten vielfach beschrieben und auch kritisiert. Erstaunlich, richtungsweisend und regelrecht revolutionär fand ich jedoch folgende Aussagen:

Seit einigen Generationen lässt sich gut beobachten, dass sich Kinder immer weniger verwickeln. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir keinen Krieg hatten in den letzten 75 Jahren – Not und Elend sind Gott sei Dank ausgeblieben. Das heißt, Eltern waren eher fähig, ihre Kinder mit ihren Persönlichkeiten anzunehmen und sie einfach sein zu lassen, wie sie nun mal sind. [...] Es gibt jetzt die erste Kindergeneration, bei denen es uns als Erwachsenen nicht gelungen ist, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken. Diese Kinder sind nun unsere Ent-Wicklungshelfer. Das hat es in der ganzen Weltgeschichte noch nicht gegeben. Dass die nachwachsende Generation den Älteren hilft, sich aus ihren Verwicklungen zu befreien.

 

Hüther benennt unsere oben beschriebenen bisherigen Strategien also ganz klar als Kompensationsmechanismen, die aus der seit Generationen stattfindenden, selektiven Unterdrückung von Kindern durch ihre Eltern entwachsen sind. Eine an sich tragische Perspektive, die jedoch auch einen nicht zu unterschätzenden Keim der Hoffnung in sich trägt:

Wenn in einer Gesellschaft die alten Machtstrukturen nicht mehr so stark sind, dann gibt es nicht mehr so viele unterdrücke Persönlichkeitsanteile und Bedürfnisse, und es kommt zur Befreiung des Menschen.

 

Die bahnbrechenden Fragen an dieser Stelle lauten also „Befreiung wovon?“ und „Entwicklung wohin?“ und katapultieren uns damit mitten ins gesellschaftspolitische Tagesgeschehen:

Wir erleben gerade einen Auflösungsprozess von Machtstrukturen und von hierarchischen Ordnungen. Die sind nicht per se negativ, denn sie sorgen seit 10.000 Jahren dafür, dass es auch in der Gesellschaft einigermaßen kohärent zugeht. Sie sind nur insofern ungünstig, als sich seit 10.000 Jahren Menschen in aller Welt anstrengen, sich gegenseitig zu überholen, auszustechen und zu überbieten. Am Ende wird die Welt dann globalisiert und digitalisiert. Wir haben die über Jahrmillionen auf unserem Planten entstandene Vielfalt des Lebens bereits ruiniert. Wir haben uns da komplett verirrt. Das alte Ordnungsprinzip ist längst an die Grenzen gestoßen. Es hat etwas vorgebracht, das sie nun selbst zerstört und die Inkohärenz wieder erhöht. Die Folge ist, dass viele Menschen wieder etwas suchen, das diese Ordnung herstellt.

 

Hüther erklärt an dieser Stelle den aus dem aktuellen Zeitgeschehen resultierenden Wunsch mancher Menschen nach alten hierarchischen Modellen, das Erstarken populistischer Parteien und das damit verbundene Aufkommen rechtskonservativer bis -radikaler Modelle, welche der rückwärtsgewandten Sehnsucht nach scheinbarer Ordnung unter einer starken, autoritären Führung entspringen.

Da ein Zurück in neue-alte Verwicklungen seiner Ansicht nach jedoch keine Lösung sein kann, braucht es klare Alternativen:

Wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen, müssen wir lernen, unser Zusammenleben konstruktiver als bisher zu gestalten: miteinander statt gegeneinander, verbindend statt trennend, achtsam statt rücksichtslos. Der Mensch müsste eigentlich eine eigene innere Orientierung finden, wie ein Kompass, mit dessen Hilfe er sein eigenes Leben und sein Zusammenleben mit den anderen so gestaltet, dass es gut ist. Und das heißt Würde. Würde heißt, dass ich mich für andere nicht mehr als Objekt zur Verfügung stelle und ich auch andere nicht mehr zum Objekt mache.

 

Würde also, Verbindung, Achtsamkeit und Miteinander - große Begriffe, wenn man ein wenig darüber nachdenkt:

 

Was bedeutet Würde für Sie?

In welchen Lebensbereichen fühlen Sie sich durch die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft und die daraus resultierenden, für Sie ersichtlichen Verwicklungen in Ihrer Würde beschnitten?

Was glauben Sie zu brauchen, um ein würdevolleres, mehr am Gemeinwohl orientiertes Leben führen zu können?

 

 

Wenn Gerald Hüther von Würde spricht, denke ich sofort an die Alexander-Technik.

Nur allzu oft ringen Menschen mit ihrem Verständnis davon, was genau Sinn & Inhalt dieser Arbeit sind und ich sehe hier die Chance, sie im Kontext des obigen Interviews folgendermaßen zu beschreiben:

Die Alexander-Technik ist ein System der Selbsterkenntnis & -fürsorge, sozusagen ein Vehikel für individuell-persönliche Ent-Wicklung, deren Erlernen oft mit einem signifikanten Zuwachs an individueller Würde verbunden ist.

Ganz im Sinne der von Hüther genannten Kriterien ist sie dabei inhaltlich durch und durch konstruktiv („conscious constructive control - bewusste konstruktive Selbststeuerung“ lautete F.M. Alexanders eigene Beschreibung seiner Arbeit) und somit ein meiner Erfahrung nach ganz wunderbarer Kompass, um sich individuell auf oben genannte Aspekte auszurichten: Achtsamkeit, Klarheit, Eigenverantwortung und zugleich tiefe, zwischenmenschliche Verbindung.

Es ist ein ganz und gar undogmatischer Weg, der stetig neue Fragen aufwirft und zahlreiche beantwortet. Fragen über uns selbst, sowie unsere Grenzen & Potenziale, über unsere körperlichen & mentalen Ver-Wicklungen und vor allem über mögliche Auswege aus unseren individuellen & gesamtgesellschaftlichen Hamsterrädern.

Alles, was wir brauchen, um nicht nur leichter, beschwerdefreier & leistungsfähiger zu leben, sondern auch den Umgang mit uns selbst, unserer unmittelbaren Umwelt und unserem ganzen Menschsein zu ent-wickeln, steckt am Ende in uns selbst und es wird Sie möglicherweise erstaunen, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich Ihnen im Laufe der Zeit für ihr Leben eröffnen können.

 

(..."ganz nebenbei" kann die Alexander-Technik natürlich auch weiterhin "einfach nur" bei Rückenschmerzen & anderen muskuloskelettalen Themen helfen. Sie haben die Wahl!)

 

 

Falls Sie neugierig geworden sind, wie und wohin Sie sich möglicherweise ent-wickeln könnten, dann melden Sie sich gerne bei mir. Ich freue mich darauf, diese Entdeckungsreise mit Ihnen gemeinsam zu unternehmen!