Entscheidungen zu treffen ist eine der grundlegendsten Aktivitäten sämtlicher Lebewesen auf diesem Planeten. Egal ob Mensch oder Tier - wir alle wägen quasi ständig ab: was nützt uns, was ist hinderlich, was bereichert unser Leben und was bedroht es? Welchen Dingen wollen wir uns zuwenden und welchen wollen wir lieber aus dem Weg gehen?

Tiere entscheiden solche Dinge überwiegend instinktiv und vergleichsweise binär. Zum Beispiel wägen sie ab, ob Kampf oder Flucht eher dazu dienen könnten, den eigenen Fortbestand zu bewahren oder ob das Risiko, das unbekannte Objekt zu essen, geringer ist, als weiterhin Hunger zu verspüren? Oder ob der Gegenüber wohl ein angemessener für die Weitergabe der eigenen Gene sein könnte?

Bei uns Menschen hingegen sieht die Sache oft etwas komplizierter aus: Wir befinden uns in einem ständigen Zwiespalt zwischen Intellekt (den rationalen Fähigkeiten, die unserem präfrontalen Cortex entspringen), Instinkt (den evolutionär alten Programmen unseres Stammhirns) und Intuition.

Beispielsweise spräche intellektuell vieles dafür, den köstlich duftenden, aber kardiologisch höchst unkorrekten Kuchen auszuschlagen. Aus Sicht unserer evolutionär alten Programme hingegen ist die Aufnahme von Fett und Zucker grundsätzlich erst einmal zu begrüßen, da sie gespeichert werden und somit unserem Überleben zuträglich sein können. Dass wir in einer Kultur leben, deren Mitglieder zunehmend infolge eines Überangebotes dieser Stoffe ihre Gesundheit beeinträchtigen, interessiert diese Stimme nicht die Bohne - wir haben einfach Lust auf ein Stück Kuchen!

 

Also wie entscheiden wir?

Welcher "Stimme" geben wir den Vorzug und sind wir uns überhaupt darüber im Klaren, welche inneren Interessenkonflikte warum in uns im Gange sind?

 

Noch weitaus komplexer wird die Entscheidungsfindung nämlich dadurch, dass wir nicht nur die Wahl zwischen den oben genannten internen "Interessenvertretern" haben, sondern darüber hinaus von zahllosen Quellen im Außen beeinflusst werden. Quellen, die unser Verstand zumeist im Sinne der eigenen Vorteilsmaximierung abwägt: was haben wir im Elternhaus gelernt? Was würde unseren Freunden gefallen, was dem Partner, was dem Vorgesetzten? Was suggeriert die Werbung? Was die Politik? Was die Religion, Gesellschaft oder Kultur? Welchen selbst gewählten Idealen versuchen wir gerecht zu werden und warum eigentlich??

Wenn wir ehrlich sind, geht es uns den lieben langen Tag so: Was wollen wir frühstücken? Was anziehen? Welche Verpflichtungen nehmen uns heute in Anspruch? Woran müssen wir denken und was hatten wir uns noch gleich versprochen, wie wir zukünftig mit uns selbst in bestimmten Situationen umgehen möchten?

 

 

Seit Jahrhunderten drehen sich Denker & Dichter um die Frage, ob der ganze Aufwand überhaupt lohnt und ob so etwas wie freier Wille überhaupt exisitiert? Sind wir tatsächlich frei in unseren Entscheidung oder ist unser Tun von vorne herein festgelegt? Die Antwort darauf steht nach wie vor aus.

Die Neurowissenschaften erklären uns, dass das Treffen von Entscheidungen für unser Gehirn in höchsten Maße energieintensiv ist - was sicherlich zum Teil erklärt, warum wir uns oft mit Entscheidungen so schwer tun und ebenso häufig nur unter großer Willensanstrengung mit einer bisherigen Gewohnheit zu brechen imstande sind.

Der Buddhismus sieht großen Wert in der Klärung der Frage, inwieweit wir gegenüber den Themen in unserem Leben voreingenommen sind und ob wir Dinge lieber vermeiden möchten, sie herbei sehnen oder ihnen neutral und offen gegenüber stehen? Das Mittel dazu stellt die Praxis der Meditation dar, die stille Selbstbeobachtung, welche uns tiefere Einblicke in unsere eigenen Motive ermöglicht und gleichzeitig ein Übungsfeld für die Fähigkeit bietet, nicht voreilig auf Reize unserer Umwelt zu reagieren.

Die Buddhisten nennen diese Qualität Gleichmut (nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit): erst wer in der Lage ist, seine Gefühle und Impulse hinsichtlich einer Sache (vergleichsweise) neutral zu sehen und ausreichend Bewusstsein hinsichtlich seiner Motive entwickelt hat, kommt in den Genuß, zunehmend freiere und „bessere“ Entscheidungen zu treffen, die seinen tatsächlichen Bedürfnissen gerecht werden.

F.M. Alexander muss ähnliches erkannt haben, während er sich Monate und vielleicht Jahre um die Frage drehte, wie er seine geliebten Shakespeare Werke rezitieren konnte, ohne dabei immer wieder seine Stimme zu verlieren. Seine Jahre später geäußerte Haltung „Ich glaube an alles und ich glaube an nichts“ und die Natur seiner gesamten Arbeit spiegeln diese Art zu denken klar wieder.

 

 

Auch ich befand mich in den letzten Wochen (und bei näherer Betrachtung bereits den letzten Monaten) in einem Prozess, der einer Entscheidung bedurfte. Das Thema war meine Bloggerei und ich rieb mich vergleichsweise lange an der Frage, was ich dahingehend überhaupt möchte, was mir gut tut und was ich zu geben bereit und in der Lage bin?

Wenn ich ehrlich bin macht mir das Bloggen große Freude und sie stellt für mich einen tollen Weg dar, um verinnerlichtes Wissen und praktische Erfahrungen hinsichtlich der Alexander-Arbeit in angemessene Worte zu kleiden und anhand praktischer Lebensbeispiele darzustellen. Sie dient als Inspiration für meine Schüler*innen und als Dokument meines eigenen Lernprozesses.

Andererseits bin ich ein selbstständiger Arbeitnehmer mit mehreren beruflichen Standbeinen, Familienvater zweier Kinder und grundsätzlich ein Mensch, dem es im Alltag oft hinten und vorne an Freiräumen mangelt. Das Bloggen ist für mich energie- und zeitintensiv und über den Effekt und Nutzen meiner Texte für meine Leser kann ich bislang nur spekulieren. Zudem bin ich ein vergleichsweise perfektionistisch veranlagter Typ, der Dinge gerne entweder ganz oder gar nicht angeht und der bei der Umsetzung seiner selbst gewählten Maßstäbe hohe Ansprüche an sich stellt.

So war beispielsweise der monatliche Zyklus meiner Blogs zunächst nur ein provisorisches Experiment. Ich hätte theoretisch zu jedem Zeitpunkt entscheiden können, im Monat X mal keinen Blog zu schreiben oder das Intervall grundsätzlich nur als optional anzusehen. Dennoch dämmerte es mir nach einer Phase achtloser Pflichterfüllung immer deutlicher, dass ich rasch und gleichermaßen unmerklich damit begonnen hatte, meine eigenen verdeckten Ansprüche hinsichtlich eines beständigen und inspirierenden Outputs in Form vermeintlicher Erwartungshaltungen auf meine Leser zu projizieren. Anders gesagt: ich hatte mir unbewusst eingeredet, dass andere nun von mir monatlichen Output erwarteten, obwohl ich es lediglich selbst war, der dies entschieden hatte und den Anspruch nun aufrecht erhielt.

Zu oft schrieb ich somit einen Blog, der mir zwar inhaltlich und thematisch Freude bereitete, doch mir gleichzeitig mehr Zeit und Disziplin abverlangte, als mir zur Verfügung stand und meiner Gesundheit zuträglich war. Stets bemüht, einem selbst gewählten Zeitplan gerecht zu werden, von dem ich mir einredete, dass andere ihn von mir erwarten würden.

Wie beschrieben bemerkte ich diesen Selbstbetrug irgendwann, doch konnte ich deswegen den eigentlich trivialen und logischen Schritt einfach und umgehend vollziehen und fortan entweder seltener oder unregelmäßiger bloggen? Konnte ich infolge einer intellektuellen Analyse einfach Stop sagen und es ab diesem Zeitpunkt anders machen?

 

Die ehrliche Antwort lautet nein.

 

Ich hatte zwar durchschaut, was ich machte und auch Vorstellungen davon entwickelt, welche Motive mich möglicherweise unbewusst dazu verleitet hatten, so zu handeln, aber ich machte trotzdem eine ganze Weile einfach so weiter wie bisher.

Zusätzlich jedoch traf ich eine Entscheidung, nämlich mich unter Nutzung der Prinzipien der Alexander-Technik in einen offenen Prozess der Auseinandersetzung mit mir selbst hinsichtlich dieses Themas zu begeben. Nicht an jedem Tag oder in einem großen Kraftakt, sondern mehr in Gestalt eines allmählichen Heranreifens im Hintergrund, das sich aus vielen kleinen Momenten, Beobachtungen und Erlebnissen speiste und mich mehrfach bis an den Punkt einer möglichen Entscheidung führte.

Eine Entscheidung, die ich abwog, aber aus mir unbekannten Gründen immer noch nicht traf.

Ich setzte mich also immer weiter zwanglos mit meinem Hadern, meinem Zögern, meinen Motiven, Bedürfnissen & Intentionen auseinander und wurde im Verlauf dieses Prozesses tatsächlich zunehmend klarer. Ich beobachtete einerseits, wie die beiden „Waagschalen" meines Wollens und nicht-Wollens immer mehr ins Lot kamen, während ich andererseits etwas darüber lernen durfte, mit welchen Denk- & Verhaltensmustern ich sie wieder aus dem Gleichgewicht brachte.

Ich lernte anhand dieses Themas viel über mich selbst, teils Banales, teils Fundamentales und durchweg Wertvolles - sowohl für diese, als auch für vergleichbare Situationen der Zukunft. Ich lernte mithilfe der Werkzeuge, die mir die Alexander-Technik zur Verfügung stellt, meine körperlichen & mentalen Reaktionen hinsichtlich dieses Themas überhaupt erst einmal wahrzunehmen, um sie dann zunehmend gelassener betrachten zu können. Und ich übte mich darin, beide Optionen - weitermachen wie bisher oder etwas verändern - möglichst wertfrei nebeneinander bestehen zu lassen

 

So lange, bis die Entscheidung mich eines Tages unverhofft fand, ohne dass ich aktiv nach ihr gesucht hätte.

 

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Ich entschied letzten Endes, in die Offenheit zu gehen und dem Korsett der Regelmäßigkeit zu entsagen: vielleicht werde ich, sofern mir danach ist, zukünftig weiterhin monatlich etwas schreiben, vielleicht werden aber auch immer wieder längere Pausen zwischen zwei Blogtexten liegen. Ich weiß es nicht und das Wichtigste - ich bin im Reinen damit.

Wie bereits geschrieben, traf ich meine Entscheidung nicht nach intellektuellen Kriterien. Ich wog zwar, ebenso wie vermutlich die meisten Menschen, ab, welchen Kosten und Nutzen jede der beiden Optionen mit sich bringen könnte, doch orientierte mich letzten Endes an einem gänzlich anderen Feedbackinstrument als meinem Intellekt. Mein Körper und seine Reaktionen auf die verschiedenen denkbaren Szenarien hinsichtlich der Zukunft meines Blogs waren eindeutig und die Antwort war eigentlich schon die ganze Zeit da, es bedurfte nur Geduld und einiger "Unterlassungsarbeit" meinerseits, um sie letzten Endes auch sehen zu können.

Dies ist nur eine Art, auf die mich die Alexander-Technik tagtäglich mit mir selbst, meinem Wesenskern und besten Ratgeber der Welt in Kontakt bringt. Wie sie mich lehrt, was nötig ist, um weiter reifen und wachsen zu können - und wie sie mir ganz nebenbei zunehmend Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Gelassenheit und Authentizität beschert.

 

 

Habe, Sie Interesse daran, herauszufinden, in welchen Momenten Sie eine Wahl haben und wann Sie am sprichwörtlichen Haken hängen?

 

Merken Sie, wenn Sie sich innerlich bereits festgelegt haben, obwohl Sie an der Oberfläche immer noch mit einer vermeintlichen Entscheidung ringen?

 

Möchten Sie leichter, freier und klarer entscheiden können und im praktischen Experiment ergründen, warum uns diese Fähigkeit oftmals so schwer fällt?

 

 

... dann wissen Sie, wo Sie mich finden!