Nicht jeder Artikel purzelt mir leicht und locker aus den Fingern und so schiebe ich seit fast fünf Wochen die Aufgabe vor mir her, einen "Juni Blog" zu verfassen.

Gründe und Anlässe, um diese eigentlich freudvolle Tätigkeit vor mir herzuschieben gab es viele: Berge an Arbeit, zwischenzeitlich Pfingstferien, Reisen, Familie, Kinder und diverse andere Projekte, die mich allesamt überaus effektiv davon abhielten, eines meiner ohnehin wenigen Zeitfenster der Fortsetzung meines letzten Blogartikels zu widmen. Außerdem wusste ich schon vorher, dass es diesmal um ein sehr zentrales Thema gehen sollte und mir war wichtig, dass dieser Blogartikel "gut" wird. Was auch immer das bedeuten soll ...

 

 

Nun ist es Juli und Sie erinnern sich vielleicht daran, dass wir uns zuletzt mit dem Thema Muskeln und der damit einhergehenden Frage beschäftigt haben, wie viel muskulärer Aufwand denn eigentlich angemessen ist, um eine Tätigkeit gesund, effizient und zugleich mühelos auszuführen?

Ich habe dazu einige weit verbreitete Mythen rund um die Funktionsweise und das Training der menschlichen Muskulatur beleuchtet und endete bei gleich zwei Dilemmata: zum einen, dass wir uns bei der Frage, welcher Aufwand tatsächlich für eine Tätigkeit angemessen sein könnte, stets auf unsere mentalen Konzepte verlassen und des Weiteren, dass wir uns dabei intuitiv am damit verbundenen sensorischen Muskelfeedback orientieren.

Konzepte helfen uns in den allermeisten Fällen nicht weiter, da sie vergleichsweise willkürlich und weitgehend unbewusst anhand von Kriterien gewählt wurden, die nicht zwangsläufig die Realität widerspiegeln (Vgl. Blogartikel) und muskuläres Feedback führt uns lediglich zum Gewohnten, zu dem was wir bereits kennen und was sich für uns auf schwer greifbare Weise richtig oder vertraut anfühlt - auch wenn es streng genommen möglicherweise ineffektiv oder gar destruktiv für uns ist. (Vgl. Blogartikel)

 

Also woran sollen wir uns orientieren, wenn wir etwas "gut" und "richtig" machen wollen?

 

Woran sollen wir uns orientieren, wenn wir effizient handeln, dabei gesund bleiben und möglichst auch noch eine gute Figur machen wollen - egal, ob wir ein Instrument spielen, einen Sport treiben, der Monotonie des Büroalltags ein Schnippchen schlagen oder anderen Herausforderungen unseres Alltags begegnen möchten?

F.M. Alexander kannte dieses Problem sehr gut: Er wollte einfach nur imstande sein, seine geliebten Shakespeare Dramen auf der Bühne zu rezitieren, ohne danach für Tage oder Wochen unter Stimmverlust zu leiden.

Da ihm kein Mediziner seiner Zeit helfen, geschweige denn die Ursache seiner Probleme erklären konnte, begann er auf eigene Faust zu beobachten und zu experimentieren. Dabei stellte er nach einer langen Serie von Selbstversuchen fest, dass er sich im entscheidenden Moment des Übergangs vom nicht-Tun zum Tun - in seinem Fall also vom Schweigen zum Sprechen - stets aus dem Fundus seiner bisherigen Erfahrungen bediente. Dass er quasi automatisch in die alte Gewohnheit verfiel, egal wie sehr er es sich wünschte, neue Wege einzuschlagen.

Doch Alexander gab nicht auf und gelangte im Laufe der Zeit zunehmend zu der Erkenntnis, dass ein Zusammenhang bestehen musste zwischen seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinem Körper und dem was passierte, sobald er zum Rezitieren ansetzte. Dass etwas, das er unbewusst tat, seinen Wunsch nach einer mühelosen Ausführung untergrub.

 

 

Bereits Mediziner Rudolf Magnus hatte im ausgehenden 19 Jahrhundert eine Wechselbeziehung zwischen Kopf, Wirbelsäule und der Gesamtkoordination von Säugetieren festgestellt und erforscht (Sie erinnern sich vielleicht an "Kopf führt, Rest folgt?"). Dabei offenbarte sich ihm ein unstrittiger Zusammenhang zwischen Gehirn, Reflexen und eben jenem Verhältnis von Kopf und Wirbelsäule, der ihn zur Schöpfung des Begriffes "Zentralapparat" bewegte - einer Art ganzheitlichem Koordinationsmechanismus, welchen er fortan intensiv anhand von Katzen untersuchte, bei denen zuvor das Vorderhirn vom Hirnstamm getrennt worden war. [1]

Während Magnus sich auf Säugetiere und die Ebene von Reflexen und physisch-morotischem Funktionieren konzentrierte, stellte Alexander im Laufe seiner Experimente fest, dass zwar sehr wohl auch in seinem Fall ein Zusammenhang zwischen seinen Stimmproblemen und der Störung der Koordination zwischen Kopf und Wirbelsäule bestand, dass dies allerdings kein rein körperlich-reflexhafter war, sondern einer, der zusätzlich und ganz offensichtlich von seinen Gedanken, Gefühlen, Konzepten, Erfahrungen und Wünschen beeinflusst wurde.

 

Alexander nannte diesen uns Menschen innewohnenden "Mechanismus" Primärsteuerung.

 

Auf physiologischer Ebene umschreibt er damit den Bereich der obersten beiden Halswirbel Atlas und Axis, die Relation von Schädel und Wirbelsäule und vor allem den Tonus der feinen, umliegenden Muskulatur. Es geht auf dieser Ebene um physische Balance, Aufrichtungsreflexe und um Muskeln, die entweder festhalten oder loslassen (und damit die Gesamtkoordination unseres muskuloskelettalen Systems entweder stören oder maximal effizient koordinieren).

Auf psychischer Ebene jedoch geht es um weitaus mehr, um freien Willen, konstruktives Denken, um klar gefasste Entscheidungen und um den Umgang mit sowohl bewussten, als auch unbewussten Vorerfahrungen und Konzepten.

Alexander erforschte bis zum Ende seines Lebens, was Lehrer seiner Technik seither vermitteln: die absolut untrennbare psychophysische Einheit des Menschen, sowie eine Methodik, um die Koordination dieses Mechanismus (und damit des gesamten Selbst) erlernen und im Leben anwenden zu können.

 

 

Wenn wir uns also fragen, woran wir uns orientieren können, wenn wir eine Aktivität effizient, mühelos und gesund ausführen wollen, dann führt uns diese Frage immer wieder zur Primärsteuerung und deren Freiheit oder Ungestörtheit. Wir können nicht wissen, was genau ein angemessener Muskeltonus ist (geschweige denn wie er sich anfühlt) doch wir können lernen und erleben, dass sich diese Frage ganz von selbst klärt, sobald wir die Prinzipien der Alexander-Technik in einer Aktivität erfolgreich anwenden.

Wir können erleben, was es bedeutet, eine Aktivität bei zugleich freier Primärsteuerung auszuführen und welchen Unterschied dies sowohl für den Prozess, als auch für das Ergebnis bedeutet. Und wir können lernen, wie wir uns diese Fähigkeit oder Qualität selbst erschließen und im Alltag zur Anwendung bringen können.

Wir können uns entscheiden, zu Erforschern unseres eigenen Selbst zu werden und dadurch im Laufe der Zeit zunehmend besser verstehen, was Marjorie Barlow (F.M. Alexanders Nichte und Lehrerin seiner Technik) damit meinte, als sie einem Schüler erklärte, was es in der Alexander-Technik zu lernen gibt:

 

 

 

"Nur ein kleines bisschen Nichts."

 

 

 

Ich gönne mir jetzt ebenfalls eine großzügige Portionen davon und verabschiede mich sowohl zur Erholung, als auch zum Inspiration tanken in die schreiberische Sommerpause - ganz egal ob Juni oder Juli!

 

Quellen:

[1] https://mouritz.co.uk/Mouritzpdfs/magnuslancet1926.pdf