Muskeln sind auf vielen Ebenen ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft, denn die Wechselbeziehungen zwischen Muskeltonus, -masse &-flexibilität, sowie Gesundheit, Attraktivität & Wohlbefinden ziehen sich wie ein roter Faden durch zahllose Disziplinen.

Im Fitness- und Bodybuilding-Bereich beispielsweise begegnen wir dem Schönheitsideal der durch Intensivtraining (und Anabolika) künstlich vergrösserten Muskeln. Kraftzuwachs ist hier nur eine nebensächliche, wenn auch willkommene Begleiterscheinung, doch in erster Linie geht es um einen ästhetischen Aspekt. Es geht um den Glauben, dem Idealbild des „starken Mannes“ näherzukommen, je eher der eigene Quadriceps aussieht wie ein üppiger Schinken in einem Walt Disney Cartoon.

In anderen Disziplinen - beispielsweise im Yoga, beim Klettern oder in diversen Kampfkünsten - geht es mehr um kraftvolle, effizient arbeitende Muskeln und Beweglichkeit, als um äußerlich sichtbare Masse.

 

 

In zahllosen Sportarten und auch im Feld der Rehabilitation begegnen wir unterschiedlichsten, einander teils grundsätzlich widersprechenden Philosophien hinsichtlich Aufwärmen, Dehnung, Kräftigung und Ausdauer. Zahlreichen Ansätzen, die uns sagen, was bezogen auf unseren Muskeleinsatz richtig und was falsch, was genug, was notwendig und was zuviel ist.

Mal sind wir somit angehalten, unsere Muskeln großer Belastung über kurze Zeiträume auszusetzen, mal ist es moderate Belastung über lange Zeiträume und manchmal ist es auch das Ziel, jedwede Belastung zugunsten von passiver Dehnung oder Entspannung herauszunehmen.

Muskeln müssen also zahlreiche, mitunter höchst unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

 

Doch woran orientieren wir uns, um zu wissen, ob das was wir tun, tatsächlich richtig ausgeführt ist?

 

Eine ganz wichtige Frage, denn in sämtlichen genannten Fällen handelt es sich lediglich um Konzepte, um Handlungsempfehlungen der Außenwelt, die wir zwar so gut und gewissenhaft wie möglich umzusetzen versuchen, von denen wir aber letztendlich nie genau wissen können, wie sich die adäquate Umsetzung anfühlen sollte und ob unsere Interpretation tatsächlich zielführend ist.

So wursteln wir uns in den allermeisten Fällen (möglicherweise unter Begleitung eines Coaches oder Trainers, der sich jedoch ebenfalls nur auf sein äußeres Augenmaß verlassen kann) irgendwie durch und bemühen uns redlich das, was wir gerade tun, so korrekt und gewissenhaft wie möglich auszuführen. 

Bei Lesern meiner vergangenen Blogs dürfte bei den Begriffen bemühen, korrekt und gewissenhaft schon die ein oder andere "Alarmglocke" klingeln ...

 

Spätestens wenn wir nämlich eine Aktivität in einem Gruppensetting ausführen, stellen wir fest, dass die Umsetzung einer Trainingsanweisung bei fast jedem etwas anders aussieht.

Dies ist entgegen der gängigen Annahme jedoch nur zu einem geringen Anteil Folge individueller körperlicher Voraussetzungen, sondern mehrheitlich schlicht Konsequenz unserer individuellen Interpretation davon, wie eine Tätigkeit ausgeführt werden sollte.

Vergleichen Sie beispielsweise 100 Marathonläufer mit einer Herde von 100 Antilopen: während Sie bei den Tieren ein einziges, immer wiederkehrendes Muster beobachten werden, gemäß dem sich alle (gesunden) Tiere fortbewegen, so werden sie bei den 100 Marathonläufern höchstwahrscheinlich auch 100 verschiedene Arten und Interpretationen des Konzeptes "Joggen" sehen.

 

Eine Ursache dafür ist, dass wir Menschen im Unterschied zu den genannten Antilopen beinahe alle Gegebenheiten dieser Welt aufgrund der Beschaffenheit unseres Gehirns unbewusst mit Konzepten belegen.

 

Konzepte, die sich mit der physikalischen Wirklichkeit decken können, dieser aber in der Praxis in vielen Fällen zuwiderlaufen.

 

Das Erstaunliche an diesem Phänomen ist, dass unser mentales Konzept von einer körperlichen Angelegenheit sich in der praktischen Ausführung jedes einzelne Mal durchsetzt, egal wie ungünstig es ist!

 

Wenn wir also beispielsweise unbewusst in dem Glauben leben, dass sich unsere Hüftgelenke auf Höhe des Beckenkamms befinden, so werden wir jedes Mal, wenn wir uns bücken, die Lendenwirbelsäule auf eine schädigende Art beanspruchen, anstatt tatsächlich unsere Hüftgelenke zu nutzen.

Oder denken Sie an Menschen, die durch eine Amputation ein Körperteil verloren haben und die dennoch Schmerzen an jener Stelle verspüren, an der sich de facto überhaupt nichts mehr befindet, was ihnen Schmerzen bereiten könnte.

Der Neurowissenschaftler V. S. Ramachandran wies in diesem Zusammenhang seit den 1990er Jahren erstaunliche Dinge nach (und stieß nicht minder faszinierende Gedanken an), als er mit Hilfe einer Spiegelbox zum ersten Mal erfolgreich die „Amputation“ eines Phantomkörperteils durchführte [1].

 

Wir stellen also zunehmend fest, dass die Frage, was wir brauchen, was uns gut tut und wie wir eine Aktivität ausführen können, sodass sie uns nicht schadet, grundsätzlich in Zusammenhang damit steht, ob wir ein unzutreffendes unbewusstes Konzept davon in uns tragen. 

Ob wir tief in uns im Verborgenen bereits definiert haben, wie sich ein starker/aktiver Muskel oder eine angenehme/angemessene Dehnung anzufühlen hat, was das richtige Maß an Entspannung ist oder manchmal auch etwas so simples wie die Frage, wo sich ein bestimmtes Gelenk befindet oder wie sich ein Verbund von Körperteilen in Wechselwirkung zu einander verhalten sollte.

Wer meine vergangenen Blogs gelesen hat, erinnert sich vielleicht auch daran, dass gefühlte Orientierung an einem Muskeltonus stets nur etwas über vertraut/unvertraut und nicht zwangsläufig über richtig/falsch aussagt ...

 

 

So steckt die Welt bei nüchterner Betrachtung voller Erklärungsmodelle, voller Halbwahrheiten und auch gut gemeinter Ratschläge, die dennoch in unvorteilhaften oder schädigenden Ausführungen enden können: Wir wollen entspannte Muskeln und einen vitalen Ruhetonus, doch wir erzeugen mit unserem falschen Konzept lediglich Schwere und Kollaps. Wir wollen einen aktiven Tonus und erzeugen stattdessen unbewusst ein Gemisch aus Über- & Untertonus, das manche Partien überlastet und andere überhaupt nicht anspricht.

Exemplarisch sei hier das Thema Stretching angeführt, ein überaus beliebtes Thema von Yogis über Läufer bis hin zu Mannschaftssportlern.

Dehnübungen sind so etwas wie der heilige Gral der guten Performance, doch bedarf es nur wenig Recherche um festzustellen, dass nur ein Bruchteil dessen, was gemeinhin angeraten und behauptet wird, einer klinischen Überprüfung standhält [2]:

Sportler wärmen sich beispielsweise mit Dehnübungen auf, um anschließend muskulär leistungsfähiger zu sein und Verletzungsrisiken zu minimieren, doch tatsächlich senken sie ihre muskuläre Leistungsfähigkeit und vermindern das Verletzungsrisiko wenn überhaupt nur marginal. Auch der Effekt des Nachdehnens als Mittel gegen Muskelkater scheint gegen Null zu gehen. Zudem verfliegen die meisten Dehneffekte nach etwa 4 Wochen, während die zahlreichen Verletzungen, die sich Menschen durch „falsches“ Dehnen in guter Absicht selbst zufügen, oft wesentlich länger anhalten.

Dehnübungen scheinen primär geeignet, um den eigenen Bewegungsradius zu vergrößern und die Regulation von Atmung und Herzfrequenz nach dem Sport zu unterstützen - und dennoch wird zu allen erdenklichen Zwecken eifrig gedehnt und gepusht. Oft ohne zu hinterfragen, ob daraus tatsächlich ein Nutzen resultiert.

Wir stehen am Ende dieses Blogartikels also noch immer vor dem Dilemma der Orientierung: wenn ich von Konzepten abhänge, die ich möglicherweise nicht einmal kenne und wenn ich mich trotzdem unbewusst stets an dem orientiere, was ich für richtig halte & gewohnt bin ...

 

Woran soll ich mich überhaupt orientieren?

Woher weiß ich, was für mich gut und was schädigend, was effektiv und was überflüssig ist?

Woran orientieren sich eigentlich die Antilopen?

 

 

Lesen Sie nächsten Monat gerne wieder mit, wenn ich mich näher mit diesen Fragen rund um das menschliche Gehirn, den Unterschieden zwischen Mensch & Tier hinsichtlich mentaler Konzepte & motorischer Ausführung, sowie F.M. Alexanders Idee einer übergeordneten „Primärsteuerung“ beschäftige ...

 

Quellen:

[1] https://www.bbc.com/news/magazine-15938103

[2] https://www.nhs.uk/live-well/exercise/stretch-before-exercising/