Ich denke dass der Titel "Achtsamkeit in 3D" sehr clever zusammenfasst, was F.M Alexander selbst immer wieder mit Phrasen wie „thinking in activity“ („Denken während der Aktivität“), „come to quiet“ („zur Ruhe kommen“) oder „conscious constructive control of the individual“ („bewusste konstruktive Steuerung des Selbst“) mühsam zu umschreiben versuchte:

Zum einen das Element der Achtsamkeit, wie sie im Kontext von Meditation und ihrem westlichen Ableger MBSR („Mindfulness based stress reduction“/“Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“) gelehrt & geübt wird. Menschen auf diesem Pfad widmen sich der vielleicht zentralsten Frage unserer Wirklichkeit:

 

Was ist hier eigentlich los - in mir und um mich herum - jetzt gerade, in diesem gegenwärtigen Augenblick?

 

Achtsamkeit ist die Kunst der Selbstbeobachtung, ausgehend von der Tatsache, dass unser Bewusstsein nicht mehr als die Glasur auf dem Kuchen unseres Mensch-seins darstellt. Eine dünne Schicht, unter der zahllose unbewusste Prozesse ablaufen und unter der es noch weitaus mehr zu entdecken und zu betrachten gibt, als man gemeinhin glauben würde. Zum Beispiel was wir mögen und was wir dafür zu tun bereit wären. Oder auch was wir nicht mögen und wie wir es möglichst effektiv vermeiden, damit in Kontakt zu kommen. Oder aber was wir gerne hätten - ja, genau jetzt! - nur um dann festzustellen, dass es eigentlich überhaupt nicht das war, was wir uns erhofft hatten.

 

„Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“

(J.W. von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“)

 

Achtsamkeit birgt für uns alle die stete Möglichkeit, wertfreier zu sehen, was gerade ist und anzuerkennen, wie wir dazu stehen. Zum Beispiel warum wir uns jedes Mal aufs Neue fragen, ob es nicht heute vielleicht doch einmal Schokoladeneis sein soll - obwohl wir genau wissen, dass wir am Ende doch stets das Erdbeereis wählen?

Achtsamkeit beschert uns das Potential, um uns selbst in unseren Bedürfnissen & Abneigungen besser zu verstehen, um etwas mehr über unsere Strategien und Muster zu lernen und um letztendlich - sofern wir das wollen - andere Entscheidungen zu treffen ... spontanere, offenere, freiere ...

Klingt möglicherweise trivial, denn natürlich ist es für unsere Leben weitgehend egal, ob wir Erdbeer- oder Schokoladeneis wählen - „Hauptsache Eis!“

 

 

Doch was ist mit den Themen, die unsere Lebenswege nachhaltiger prägen? Beispielsweise nach welchen Kriterien wir uns unsere Partner oder Freunde aussuchen, warum wir auf bestimmte Aussagen unserer Eltern oder Vorgesetzten stets auf eine bestimmte Art reagieren oder warum wir etwas Bestimmtes einfach nicht tun (oder lassen) können, egal wie sehr wir es uns vorgenommen haben?

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, wird auch hier noch mancher sagen und sich stets im Zweifel der „Kuchenglasur des Lebens“ zuwenden: dem Vereinsleben, der Arbeit, dem Lieblingsfußballclub oder den gewohnten Aktivitäten mit Familie & Freunden.

Gewohnheiten geben uns Halt und Orientierung, sie helfen uns dabei, Identität auszubilden und man kann so durchaus durchs Leben kommen. „Und warum eigentlich nicht immer nur Erdbeereis? Hat mir bisher doch jedes Mal geschmeckt!“, könnten Sie zurecht fragen und möglicherweise sind die Antworten trivial und nicht wert, näher betrachtet zu werden.

Doch Gewohnheiten verstellen uns nicht selten auch in fundamentalen Lebensbereichen den Blick auf uns selbst und die Wechselwirkungen, die wir mit unserer Umwelt erzeugen.

Was ist beispielsweise mit dem Vater, der seiner Frau als Rechtfertigung dafür, sein kleines Kind auf offener Straße geohrfeigt zu haben, entgegnet: „Wir mussten’s auch so lernen - uns hat’s auch nicht geschadet!“

 

Hat es das tatsächlich nicht?

Traf der Mann wirklich eine freie Entscheidung?

 

Welche anderen Handlungsmöglichkeiten könnten ihm möglicherweise zur Verfügung stehen, wenn er sein Verhalten zu irgendeinem Zeitpunkt einmal hinreichend reflektiert hätte? Wenn er wüsste, was hinter seiner Verteidigungshaltung (und dem möglicherweise zugrunde liegenden Verhalten seiner eigenen Eltern) steckt und warum es guten Grund zu der Annahme gibt, dass körperliche Züchtigung ihm sehr wohl geschadet hat (und nun darüber hinaus auch noch seinem eigenen Kind schadet)?

Die Realität sieht gleichermaßen simpel wie ernüchternd aus: wir Menschen tun in den allermeisten Fällen, was wir (und/oder die anderen ringsum) stets getan haben. Zumindest solange wir keinen Anlass sehen, eine andere Entscheidung zu treffen.

Doch wir finden nur schwerlich andere Anlässe, sofern wir uns nicht in Achtsamkeit üben - sofern wir uns nicht regelmäßig fragen:

 

„Was zum Henker tue ich hier eigentlich gerade?!“

 

Zwar finden uns ständig neue Anlässe, doch aufgrund der gewohnheismäßigen Achtlosigkeit unseren eigenen Motiven und Handlungen gegenüber, treffen wir ohne es zu merken stets die gleichen (oder zumindest sehr ähnliche) Entscheidungen und reagieren auf die stets gleiche Weise. Wir wiederholen uns in immer fortdauernden Schleifen und das Leben rauscht wie ein Film an uns vorüber, während wir uns lediglich hin und wieder fragen, warum sich eigentlich so wenig verändert? Zukunft wird beständig zu Vergangenheit und der einzige Schnittpunkt, an dem wir Einfluss auf unser Tun nehmen könnten - die Gegenwart - bleibt weitgehend im Zustand des Nebulösen verborgen.

 

Doch das muss nicht so sein.

 

Achtsamkeit hilft. Sie hilft uns, wieder mehr ein Gespür für uns selbst zu bekommen. Sie bringt uns in Kontakt mit unseren inneren Motiven & Mustern und eröffnet uns Spielräume, um unser Leben freier zu gestalten. Wir nehmen wahr, erkennen an, was wir (nicht) mögen/wollen und wir treffen von Zeit zu Zeit die Entscheidung, nicht auf einen Stimulus zu regieren, auf den wir sonst gewohnheitsmäßig anspringen würden.

Und schleichend findet ein Wandel statt ...

Ich bin der festen Überzeugung, dass auch der Mann sein Kind nicht schlagen möchte, doch offenkundig fehlen ihm Qualitäten, die ihn dazu befähigen, eine andere Entscheidung zu erwägen und letztendlich auch konsequent zu wählen.  Aber was ist das überhaupt - Entscheidungsfreiheit? Was haben die bisher thematisierten mentalen Gewohnheitsmuster damit zu tun und wann kommen endlich die Alexander-Technik und die erwähnte Dreidimensionalität ins Spiel?

Vermutlich stellen Sie sich diese Frage schon seit einigen Zeilen, denn mehrheitlich suchen Menschen einen Alexander-Lehrer auf, um a) in etwas körperlichem besser oder b) etwas anderes körperliches loszuwerden:

Besser Reiten oder Golfen? Weniger Kopf- & Rückenschmerzen? Müheloserer Umgang mit Schwangerschaft & Elternzeit? Schneller und effektiver Klavier spielen lernen? Abends weniger erschöpft von Arbeit & Haushalt oder einfach weniger oft krank sein?

 

 

Die Antwort lautet, dass dieser ganze zutiefst menschliche was-tue-ich-hier-eigentlich-Prozess stets auch eine körperliche Dimension hat und dass wir in der Alexander-Technik von der untrennbaren psychophysischen Einheit des gesamten Menschen ausgehen - Achtsamkeit in 3D eben.

Simpel gesagt: alles Geistige äußert sich auch körperlich und alles Körperliche ist zutiefst verbunden mit unserer Art zu denken. Verändert sich das eine, verändert sich das andere zwangsläufig mit.

Achtsamkeit in 3D bedeutet also nicht weniger als die konsequente Einbeziehung unseres Körpers als Feedbackinstrument: wenn ich in einer Situation nicht wissen kann, ob ich im Denken frei bin, kann ich es möglicherweise indirekt körperlich erfahren? Kann ich über die Art, wie ich eine bestimmte Bewegung ausführe, etwas Grundsätzliches darüber lernen, wie ich „ticke“? Kann ich lernen, was Handlungs- & Entscheidungsfreiheit überhaupt bedeuten und was die Vorbedingungen dafür sind? Kann ich erkennen, wie ich mich im Angesicht von Entscheidungsspielräumen gewohnheitsmäßig verhalte und wie ich entgegen meiner Gewohnheit offen für andere, neue Möglichkeiten bleiben kann?

Kann ich anhand der Art, wie ich zum Telefon greife, etwas darüber lernen, wie ich mit meinen Kindern umgehe? Oder was mein Zusammenziehen der Schultern beim Durchqueren einer Tür damit zu tun hat, dass schon wieder ein Kollege an meiner statt befördert wurde?

 

Es mag ein wenig gewagt klingen, aber: ja, das kann ich definitiv!