„Wir müssen stets bedenken, dass die große Mehrheit der Menschen sehr gleichförmige Leben lebt, Tag für Tag die gleichen Dinge tut und die gleichen Gedanken denkt und es ist diese Tatsache, die es so notwendig macht, dass wir eine bewusste Steuerung unserer mentalen und körperlichen Kräfte als Ganzes etablieren, da wir ansonsten Gefahr laufen, jene Vielseitigkeit zu verlieren, die einen so essentiellen Faktor in unserer menschlichen Entwicklung darstellt.“ (F.M. Alexander, Man’s supreme inheritance, 1910)

 

Was uns Mr. Alexander in seiner oft komplexen und mitunter etwas antiquiert wirkenden Sprache zu sagen versucht, ist im Kern eigentlich ganz simpel: wenn wir aufgrund unserer Lebensumstände gezwungen sind, tagein, tagaus das Gleiche zu tun, dann hat das irgendwann (zumeist negative) Folgen.

 

Klingt logisch, oder?

 

Erstaunlich finde ich an diesem Zitat, dass es aus dem Jahr 1910 stammt. Ich hatte vor wenigen Wochen zufällig die Gelegenheit, eine Straßenszene aus dem New York des Jahres 1911 auf Youtube zu sehen und ich war erstaunt, wie augenscheinlich mühelos, präsent und aufrecht Otto Normalbürger seinerzeit noch durchs Leben ging. Verglichen mit heute wirkten diese Menschen, zumindest auf den ersten Blick, als wären ihnen die eingangs geschilderten Probleme weitgehend unbekannt - und doch schätzte F.M. Alexander die infolge des Industriezeitalters entstandene und sich bis heute immer weiter verdichtende Situation mit Sicherheit völlig korrekt ein.

Man möchte sich gar nicht vorstellen, was er heutzutage sagen würde (F.M. Alexander starb 1955), wenn er die vorbeiziehenden Menschen des 21. Jahrhunderts aus einem Straßencafé beobachten würde, denn eins ist gewiss: unsere Leben sind gut 100 Jahre später auf zahlreichen fundamentalen Ebenen weder einfacher, noch vielseitiger geworden und wir alle sind - ob wir wollen oder nicht - mit der Frage konfrontiert, wie wir diesen Herausforderungen begegnen.

Zwar haben wir seit Alexander's Tagen große Fortschritte in Wissenschaft, Medizin, Technik und Kommunikation erzielt, doch sitzen die allermeisten von uns - so wie ich beim Tippen und vermutlich auch Sie beim Lesen dieser Zeilen - noch immer einen großen Teil des Tages auf unseren vier Buchstaben und führen Leben, die weitgehend durch die immer gleichen Abläufe geprägt sind. Spätestens Abends haben dementsprechend viele von uns dann “wieder mal Rücken“ oder andere typische Beschwerden (Nacken-, Schulter- oder Kopfschmerzen, Mausarm, Sehnenscheidentzündung, Gelenkprobleme, etc.).

Wir sind erschöpft und haben möglicherweise auch Schmerzen, doch fühlen uns zugleich nicht selten in der „Bringschuld“, uns um Ausgleich zu bemühen - auch wenn dieser an der Problematik des langen Sitzens bei näherer Betrachtung überhaupt nichts ändert. Die Beschwerden werden im besten Fall etwas gedämpft.

So quälen wir uns in unserer kargen Freizeit zum Sport, laufen, spielen Fußball oder gehen schwimmen, machen Yoga, Gymnastik oder Pilates und genießen zurecht die Bewegung, die unserem Körper gut tun kann. Zumindest, solange wir eine gewisse Vorstellung davon haben, wie wir uns selbst - wie F.M. Alexander es formulierte - gut gebrauchen.

 

Doch wie soll das gehen?

 

Das Thema "Selbstgebrauch" ist überaus komplex, deswegen wollen wir heute am Beispiel des Sitzens betrachten, wie eine simple Aktivität zur "Geißel der modernen Bürowelt" mutieren konnte und vor allem, wie sie sich wieder in eine leichte, freudvolle Angelegenheit zurückverwandeln kann. Ein Prozess der in Gang kommt, sobald wir erst einmal damit aufzuhören beginnen, „sitzen richtig zu machen“.

Was ich mit "sitzen richtig machen" umschreibe, ist die menschliche Tendenz, uns unbewusst von allem Möglichen in unserem Leben eine Vorstellung zu machen und diese in Form von Gewohnheiten zu etablieren. Ohne uns großartig mit einer Sache beschäftigt zu haben, glauben wir (oft unbewusst), dass wir wüssten, wie alltägliche Dinge funktionieren und wir verhalten uns automatisiert gemäß dieser Gewohnheiten, während wir mit dem bewussten Teil unseres Denkens den individuellen Herausforderungen unseres Alltags nachkommen.

 

Haben Sie je darüber nachgedacht wie Sie sitzen und ob Sie eine Vorstellung davon haben, wie man „richtig“ sitzt?

Welche innere Haltung haben Sie zum Thema Sitzen und wie geht es Ihnen damit, durch Ihre Lebensumstände zu langen Phasen des Sitzens genötigt zu sein?

 

Viele Menschen würden vermutlich antworten, dass Sitzen auf Dauer zwangsläufig anstrengend ist und dass man sich entsprechend bemühen muss, weil der Mensch nicht für lange Phasen des Sitzens gemacht ist. Darüber hinaus, dass man sich auf die ein oder andere Art richtig halten oder auf das vertikale Verhältnis der Gelenke übereinander achten müsse. Oder aber, dass Kraft-, Dehn- & Beweglichkeitstraining der notwendige Tribut seien, um den Schreibtischalltag irgendwie halbwegs gesund zu überstehen. Schlüsselphrasen wie „Training der tiefen Muskulatur“ ("core strength") fallen dabei immer wieder und sollen uns angeblich dazu befähigen, nicht einfach in uns zusammenzusacken, sondern stattdessen die Stärke zu entwickeln, um uns aufrecht zu halten.

Wie F.M. Alexander ganz nebenbei herausfand, während er sich mit einem völlig anderen Problem beschäftigte, handelt es sich bei den aufgezählten Denk- & Handlungsweisen zum Glück weitgehend um ein Sammelsurium aus Missverständnissen und Fehlannahmen:

Weder braucht es Krafttraining, um aufrecht zu sitzen, noch ist es notwendig, sich auf eine bestimmte Art zu halten. Beweglichkeitstraining kann sinnvoll sein, allerdings eher im Sinne geistiger Beweglichkeit und die größte Hürde, die in vielen Köpfen existiert, ist die Vorstellung von Sitzen als statischer Position.

Die einzige Annahme, der ich zustimme, ist die zu Beginn von Mr. Alexander zitierte, nämlich, dass es für den Menschen auf Dauer nicht gesund ist, den stets gleichen, unveränderlichen Lebensumständen ausgesetzt zu sein. (Doch selbst damit kann man umzugehen lernen ...)

 

Ich behaupte sitzen kann leicht sein! Es kann elegant sein, Spaß machen und als Quell zahlloser Entdeckungen hinsichtlich des eigenen Denkens, Handelns und Fühlens herhalten. Und das Beste: um diese Qualitäten zu entdecken ist es überhaupt nicht nötig, dass Sie sich mehr anstrengen oder mehr tun müssen. Im Gegenteil, was es braucht ist weniger von alledem: weniger statische Konzepte, weniger Unklarheit im Denken, weniger Halten, weniger Bemühen ... und eine kleine Prise Alexander-Technik, um dem Ganzen Fundament und Richtung zu geben.

Die biomechanischen Aspekte des Sitzens lassen sich in Wort & Bild darstellen und ich werde im nächsten Artikel ausführlicher auf diese biophysischen Grundlagen eingehen. Doch es gibt noch viel mehr zu entdecken, unter anderem die individuellen Wege, auf denen wir uns das Leben unnötig schwer machen. Diese Gewohnheitsmuster lassen sich in Begleitung eines Alexander-Lehrers entdecken und nach für nach durch günstigere ersetzen, bis Sitzen irgendwann kein belastendes Thema mehr in Ihrem Leben darstellt.

 

Können Sie sich vorstellen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen ihrem Sitzkomfort und der Art, wie Sie über das Thema denken?

 

Können Sie sich darüber hinaus vorstellen, dass es eine konstruktivere Art gibt, um beispielsweise dem Thema Sitzen mental zu begegnen und dass Ihnen eine simple Veränderung Ihres Denkens zahlreiche andere Mühen ersparen könnte?

 

Kann unser Denken tatsächlich einen derartigen Unterschied für unseren Körper machen und falls ja, was bedeutet das für sämtliche anderen Lebensbereiche?

 

(Fortsetzung folgt)